Mit einem umfangreichen Digitalisierungsprojekt rückt die Domäne Dahlem landwirtschaftliche Fotografien des Agrarjournalisten Hans Haase aus dem 20. Jh. in ein neues Licht. So wird ein wichtiger Beitrag zur Bewahrung dieses Bildmaterials sowie zur öffentlichen Zugänglichmachung zentraler Forschungsthemen geleistet.
„Ein Museum ist eine nicht gewinnorientierte, dauerhafte Institution im Dienst der Gesellschaft, die materielles und immaterielles Erbe erforscht, sammelt, bewahrt, interpretiert und ausstellt. Öffentlich zugänglich, barrierefrei und inklusiv, fördern Museen Diversität und Nachhaltigkeit. Sie arbeiten und kommunizieren ethisch, professionell und partizipativ mit Communities. Museen ermöglichen vielfältige Erfahrungen hinsichtlich Bildung, Freude, Reflexion und Wissensaustausch.“ – ICOM, Juli 2023
So lautet die aktuelle Museumsdefinition des International Council of Museums (ICOM). Genau diesem Prinzip folgt die Domäne Dahlem mit der Erforschung des Nachlasses von Hans Haase. Das Konvolut ist umfangreich: Es umfasst rund 10.000 Fotografien und mehr als 30.000 Fotonegative sowie zahlreiche Fachbücher, handschriftliche Notizen, Tagebücher, Briefe und weitere persönliche Unterlagen.
Hans Haase – Landwirt, Dozent, Autor und Agrarjournalist
Alles begann im Jahr 1996, zwei Jahre nach dem Tod des Agrarjournalisten Hans Haase (1902–1994): Die Domäne konnte den Nachlass von Hans Haase von dessen Witwe Hildegard Haase und deren Sohn erwerben.
Hans Haase war selbst als Dozent an der landwirtschaftlichen Lenné-Schule in Berlin tätig und arbeitete als Autor, Fotograf und Agrarjournalist. Sein „Ratgeber für den praktischen Landwirt” erschien zwischen 1949 und 1972 in zehn Auflagen und galt lange Zeit als bedeutendes Standardwerk für Landwirte. Als Fotograf hielt Hans Haase die vielfältigen Facetten der landwirtschaftlichen Produktion fest. Besonders interessierten ihn dabei die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen in der Landwirtschaft. Seine Aufnahmen zeigen vorwiegend Szenen aus der Bundesrepublik Deutschland, es gibt jedoch auch zahlreiche Aufnahmen von seinen Reisen in andere europäische Länder.




Eine erste Bestandsaufnahme
Bis vor Kurzem lagerte der Bestand größtenteils unberührt in unserem Archiv. Doch im vergangenen Jahr konnten wir mit der Digitalisierung beginnen. Wir widmeten uns zunächst etwa 4.600 Einzelbildern aus den 1930er bis Ende der 1950er Jahre, da diese aufgrund ihres Alters am meisten vom Zerfall bedroht sind. Dieser Teilbestand ist bereits jetzt für die Öffentlichkeit auf museum-digital einsehbar. Ebenso konnte eine erste digitale Ausstellung zum Projekt veröffentlicht werden.
Doch warum ist dieser Nachlass für uns überhaupt so interessant? Die Aufnahmen vermitteln auf eindrucksvolle Weise Einblicke in die Vergangenheit und veranschaulichen die rasante Entwicklung der Landwirtschaft, die zu den bedeutendsten Wirtschaftssektoren unserer Gesellschaft zählt. Damit stellt der Bestand eine bedeutende Ergänzung der agrargeschichtlichen Sammlung der Domäne dar.
Bei der bisherigen Sichtung wurde außerdem deutlich, dass Hans Haase sowohl beruflich als auch privat kontinuierlich von seiner Ehefrau Hildegard Haase begleitet wurde. Daher möchten wir uns bei der weiteren Aufarbeitung des Nachlasses dieses Jahr insbesondere ihrer Geschichte widmen.

Hildegard Haase – die verborgene Kraft
Hildegard Haase wurde 1906 geboren und legte mit 20 Jahren das Examen zur staatlich geprüften Saatzuchtgehilfin ab. Sie fungierte als Assistentin und ständige Ratgeberin für ihren Mann. Das Ehepaar unternahm viele Reisen zu landwirtschaftlichen Betrieben, bei denen Hildegard Haase wahrscheinlich zahlreiche Notizen zu den Treffen anfertigte. Ihre berufliche Laufbahn – von der Tätigkeit bei der Saatzucht über ihre Rolle als Gasthörerin an den Preußischen Forschungsanstalten bis hin zur Mitarbeit im gemeinsamen landwirtschaftlichen Betrieb mit ihrem Ehemann sowie ihre Mitwirkung an dessen beruflichem Erfolg als Agrarjournalist und Schriftsteller – verdeutlicht eindrucksvoll das Engagement und die fachliche Kompetenz von Frauen in einem damals stark männerdominierten Berufsfeld.
Im Zuge des Projekts im vergangenen Jahr konnten wir sogar noch ältere Aufnahmen entdecken als ursprünglich angenommen. Zunächst wurden Aufnahmen aus den 1930er Jahren als die ältesten identifiziert, nun konnten allerdings sogar noch weitere aus den 1920er Jahren entdeckt werden. In den kommenden Monaten werden daher etwa 1.200 fotografische Aufnahmen aus den 1920er und 1930er Jahren sowie rund 2.500 Seiten Archivalien digitalisiert. Dazu gehören Tagebücher, Kalender, Notizen, Fahrtenbücher und vieles mehr. Anschließend sollen diese Materialien ebenfalls auf museum-digital veröffentlicht werden.



Weibliche Lebensrealitäten in der Weimarer Republik
Von diesen Dokumenten aus den frühen gemeinsamen Jahren des Paares erhoffen wir uns neue Einblicke in die Rolle von Hildegard Haase. An ihrem Beispiel möchten wir die Rolle von Frauen in landwirtschaftlich-technischen Berufen während der Weimarer Republik beleuchten. In dieser Epoche hatten Frauen nur eingeschränkten Zugang zu höherer Bildung und zu männerdominierten Berufsfeldern. Ihre Geschichte steht dabei exemplarisch für eine ganze Generation von Frauen, die sich in neuen Berufsfeldern behaupteten und damit den Weg für zukünftige Generationen ebneten.
Unsere nächsten Arbeitsschritte
Bevor die Materialien digitalisiert werden können, mussten sie zunächst restauriert werden, um die Schäden der Zeit so weit wie möglich auszugleichen. Dafür haben wir das Konvolut in spezialisierte Hände gegeben: Die fotografischen Aufnahmen wurden von Jessica Unbereit und die Archivalien von Christin Frischmuth, zwei Restauratorinnen mit jahrelanger Erfahrung, aufbereitet. Anschließend wurden die Unterlagen zur Digitalisierung gegeben, ein Schritt, den für uns die faktura gGmbH übernimmt. Die ersten Testscans haben wir bereits erhalten und freuen uns schon auf das weitere Material.
Dann beginnt die eigentliche Forschungsarbeit. Die Digitalisate werden von uns mit zusätzlichen Informationen angereichert und wissenschaftlich ausgewertet. Dabei wird unter anderem untersucht, wo das Foto entstanden ist, was man darauf erkennen kann und welche landwirtschaftlichen Maschinen man sieht. Auch die Personen, die auf den Bildern zu erkennen sind, werden analysiert und noch vieles mehr. Ende 2026 sollen schließlich alle Daten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die Digitalisate werden dann auf museum-digital einsehbar sein, und unsere Forschungsergebnisse werden zudem in einer digitalen Ausstellung präsentiert.
Über die einzelnen Arbeitsschritte halten wir euch auf unseren Social-Media-Kanälen auf dem Laufenden. Wir freuen uns darauf, euch bald mehr über das Haase-Konvolut zu berichten und sehen dieses Projekt als wichtigen Beitrag zur Erfüllung unseres Forschungs- und Erhaltungsauftrags im Sinne der ICOM-Definition.
Gastbeitrag von Nina Huber, wissenschaftliche Volontärin