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AUSGESTELLT! 4

Museum und Sammlung 23. November 2023
Foto: Ulrike Pinkas
2024-03-21

Hier steht eine Geschichte: Spritzwagen

Manche Erfindungen der Vergangenheit waren zwar sehr erfolgreich, brachten jedoch fatale Folgen mit sich. Die Geschichte chemisch erzeugter Pflanzenschutzmittel erzählt von solchen Erfindungen. Der Spritzwagen aus der Sammlung der Domäne Dahlem erinnert heute daran.

Dieser Spritzwagen erzählt beispielhaft von tiefgreifenden Veränderungen, die sich in der Landwirtschaft im 20. Jahrhundert vollzogen haben. Er stammt von einem ehemaligen Marienfelder Hof im Süden Berlins. Gespritzt wurden flüssige Pflanzenschutzmittel, um beispielsweise Kartoffelfelder vor Insektenfraß und Krankheiten zu schützen. Gezogen wurde das Gerät mit einem Pferd oder einem Rind. Hierfür findet sich noch ein Haken am Gestell des Wagens, an dem die Spannvorrichtung befestigt werden konnte, um die Tiere vorzuspannen. Jedoch wurde nachträglich eine Stange angeschweißt, um den Spritzwagen auch mit einem Traktor ziehen zu können. Der Umbau veranschaulicht den Wandel von tiergebundener zu motorisierter Landtechnik, der in Deutschland in den 1950er Jahren seinen Höhepunkt fand. Vor allem aber ist der Spritzwagen ein Zeugnis der Geschichte chemisch erzeugter Pflanzenschutzmittel, die in dieser Zeit immer intensiver eingesetzt wurden, um die Ernteerträge zu erhöhen. Leider verursachte der intensive Pestizideinsatz erhebliche Schäden an der Gesundheit der Menschen und dem Ökosystem.

Spritzwagen
H.C. Fricke GmbH, Bielefeld
1959
Holz, Metall, Gummi
Inventar-Nr: DD23/013LW
Werbebotschaft der Fricke GmbH zum Pflanzenschutzgerät von 1959. Bild: Klaus Dreyer, Landtechnik-historisch.de

Wie funktioniert der Spritzwagen?
Das große Holzfass wurde mit dem Pflanzenschutzmittel gefüllt. Der Spritzwagen wurde mit tierischer Kraft oder per Traktor über das Feld gezogen. Sobald sich die Räder drehten, wurde auch die Pumpe an der Seite des Fasses mit angetrieben. Sie brauchte keinen eigenen Motor, was auch als „Bodenantrieb“ bezeichnet wird. Je schneller der Wagen also fuhr, umso schneller lief auch die Pumpe und mehr Spritzmittel wurde ausgegeben. Dies war sinnvoll, da auch mehr Fläche in derselben Zeit benetzt werden musste. Das Gestänge am hinteren Ende der Pumpe konnte ausgeklappt und verschieden eingerichtet werden. Der Düsenabstand war beispielsweise variabel, ebenso die Höhe der Düsen. Der Spritzwagen konnte somit für unterschiedliche Pflanzen eingesetzt werden, zum Beispiel für Kartoffeln, als auch für Getreide, das etwas höher wächst. Andere Modelle dieser Wägen konnten auch zum Spritzen für Obstbäume eingesetzt werden. Sie fuhren dann mit hoch eingestellter Spritzarmatur zwischen den Baumreihen entlang.

Wirksames Gift: großer Nutzen und großer Schaden
Insektizide wurden bis in die 1970er Jahre hinein sehr einseitig betrachtet und unvorsichtig verwendet. Mögliche Spätfolgen und Auswirkungen auf Mensch und Umwelt fanden kaum Beachtung, ihre möglichst hohe Wirksamkeit stand im Vordergrund. Ein massenweise verwendetes Spritzmittel in dieser Zeit war DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan). Seine insektizide Wirkung wurde in den 1940er Jahren entdeckt. Die spezielle chemische Verbindung aus chlorierten Kohlenwasserstoffen lähmt Insekten und wurde in der Land- und Forstwirtschaft, in Holzkonstruktionen sowie zum Schutz vor Malaria als Körperpuder eingesetzt. Erst spät wurde festgestellt, dass DDT krebserregend ist. Außerdem traf das Gift neben Mücken und Kartoffelkäfern auch Bienen, Schmetterlinge und damit Vögel, die keine Nahrung mehr finden konnten oder selbst durch das Gift krank wurden. Das Mittel war sehr wirksam – aber eben auch besonders schädlich. 1972 wurde DDT in der Bundesrepublik verboten, jedoch noch bis in die 1980er Jahre hinein in der DDR unter anderem zur Bekämpfung des Borkenkäfers und als Holzschutzmittel verwendet. Noch heute wird DDT in manchen Ländern gegen Moskitos als Malaria-Schutz angeboten. Und da der Stoff Jahrzehnte in der Umwelt überdauert, kann er auch nach wie vor in Deutschland an vielen Orten nachgewiesen werden.

Paral Puder aus den 1950er Jahren von der DDR-Firma VEB Fettchemie GmbH zur Anwendung auf dem Körper gegen Mücken und Insekten. Enthält Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT). Foto: Stiftung Domäne Dahlem – Landgut und Museum
Das Pflanzenschutzmittel mit dem Produktnamen NeemAzal ist für den Ökolandbau zugelassen. Der Wirkstoff ist ein Pflanzenextrakt aus den Kernen des tropischen Neembaumes und enthält 1 % Azadirachtin. Foto: Stiftung Domäne Dahlem – Landgut und Museum

Neemöl als biologische Alternative
Im Ökolandbau werden keine chemisch synthetischen Pflanzenschutzmittel verwendet. Stattdessen wird zum Beispiel mechanisch durch Abdeckungen, Fallen und Netze gearbeitet oder es werden pflanzliche Stoffe eingesetzt. Ein Beispiel für solch ein pflanzliches Pflanzenschutzmittel ist Neemöl aus den Samen des Neembaums. Der Neembaum wächst in tropischem bis subtropischem Klima und seine Samen enthalten einen Wirkstoff, der den Kartoffelkäfer und seine Larven lähmt. Auf der Domäne Dahlem wird ebenfalls Neemöl auf die Kartoffelfelder gespritzt. Die Vermehrung des Kartoffelkäfers hat in den letzten Jahren stark zugenommen, was unter anderem auf die weltweiten Klimaveränderungen zurückgeführt werden kann. Darum muss mittlerweile zweimal im Jahr Neemöl gespritzt werden, vor einigen Jahren reichte oft einmal pro Jahr aus.

Jüngste Änderungen in EU-weiten Pflanzenschutzverordnungen.
Für die Agrarwirtschaft der EU gibt es übergeordnete Regeln, die in der gesamten EU gelten. Dies ist sowohl für konventionelle als auch die Bio-zertifizierten Höfe relevant. Landwirt:innen müssen sich an EU-Gesetz halten. Erst im Juni 2022 veröffentliche die EU-Kommission einen Entwurf einer neuen Verordnung zur Verwendung von Pflanzenschutzmitteln: die „Sustainable Use Regulation“ (SUR). Ziel der neuen Regelungen soll sein, die Umwelt besser vor Überlastung durch Pestizide zu schützen und eine nachhaltige und EU-weit sicherere Verbreitung von Pflanzenschutzmitteln zu gewährleisten. „In ihrem Verordnungsentwurf schlägt die EU-Kommission vor, die Verwendung und das Risiko von Pestiziden sowie die Verwendung gefährlicherer Pestizide bis zum Jahr 2030 EU-weit um 50 % zu reduzieren“ schreibt das BMEL (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft). Der bisherige Entwurf geht vielen Umweltschutzverbänden in Deutschland und auch dem BMEL noch nicht weit genug. Mehr dazu unter anderem hier in einem FAQ des BMEL.

Foto: Ulrike Pinkas
Foto: Dennis Novak

Mehr Informationen zur aktuellen Ausstellung:

Sammlung Domäne Dahlem. Geschichten und Objekte
07.07.2023 – 04.08.2024

MUSEUM IM HERRENHAUS
MI-SO, 10:00 – 17:00 UHR

Quellen:

Kuss, Melanie (2010/2020): Traktoren – Landmaschinen und tuckernde Kultmobile. Online-Artikel auf planet-wissen.de. WDR | Stand: 28.01.2020. https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/landwirtschaft/geschichte_der_landwirtschaft/pwietraktorenlandmaschinenundtuckerndekultmobile100.html [zuletzt 20.11.2023]

Pawlik, V. (2023): Ursachen für das weltweite Insektensterben 2019. Statista GmbH.

Umweltbundesamt (2021): DDT. Informationsblatt zu DDT online abrufbar unter: https://www.umweltbundesamt.de/themen/chemikalien/persistente-organische-schadstoffe-pop/ddt?parent=89813 [zuletzt 21.11.2023]

Umweltprobenbank des Bundes: DDT und Metabolite, Steckbrief nach Parameter. Online abrufbar unter: https://www.umweltprobenbank.de/de/documents/profiles/analytes/10059 [zuletzt 21.11.2023]

U.V. (2023): Die Geschichte der Chemisierung in der Landwirtschaft. Online Ressource der Hochschule Neubrandenburg, University of Applied Sciences. Online verfügbar: https://www.hs-nb.de/iugr/landschaft-hat-geschichte/landwirtschaft/industrialisierung-in-der-landwirtschaft/chemisierung/duenger-definition-und-einteilung/ [zuletzt 14.11.2023]

Wittig, Frank (2020): Geschichte der Düngemittel. Online-Artikel auf planet-wissen.de. SWR | Stand: 04.03.2020, 10:29 Uhr. Online verfügbar: https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/landwirtschaft/anbaumethoden/pwiegeschichtederduengemittel100.html [zuletzt 14.11.2023]